Kollegiale Führung: Mehr Verantwortung, weniger Hierarchie
Wie Unternehmen von einem dynamischen Führungsansatz profitieren können
Die Arbeitswelt verändert sich. Starre Hierarchien und traditionelle Führungskonzepte stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Unternehmen suchen nach Wegen, um flexibler und anpassungsfähiger zu werden. Eine Antwort darauf kann die kollegiale Führung sein – ein Ansatz, der Führung auf mehrere Schultern verteilt und Teams mehr Verantwortung überträgt. Doch wie funktioniert das in der Praxis? Welche Vorteile bietet es, und wo liegen die Herausforderungen?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung „Neue Arbeitswelt: Führen, Fordern, Fördern“. Eine der Referentinnen war Susanne Blüml von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP). Sie hat nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern auch aus erster Hand berichtet, wie sie kollegiale Führung selbst eingeführt hat – unter anderem bei dm-drogerie markt.
Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrem Vortrag zusammen. Dabei geht es nicht nur um Konzepte, sondern vor allem um praktische Beispiele, die zeigen, wie Unternehmen kollegiale Führung erfolgreich umsetzen können.
Warum kollegiale Führung?
Traditionelle Führungskonzepte basieren oft auf klaren Hierarchien. Entscheidungen werden von oben getroffen und dann nach unten weitergegeben. Doch in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt kann dieses Modell zu langsam und unflexibel sein. Kollegiale Führung bietet hier eine Alternative.
Dabei werden Führungsaufgaben nicht mehr ausschließlich von einzelnen Führungskräften übernommen, sondern auf mehrere Teammitglieder verteilt. Die Mitarbeitenden gestalten Entscheidungsprozesse aktiv mit, übernehmen Verantwortung und organisieren sich selbstständig – abgestimmt auf ihre jeweiligen Stärken und Fachgebiete.
Warum ist das wichtig?
Unternehmen stehen heute vor mehreren Herausforderungen:
- Schnellere Entscheidungen sind nötig. Starre Hierarchien können den Entscheidungsprozess verzögern – gerade in komplexen Umfeldern, in denen schnelles Handeln gefragt ist.
- Mitarbeitende wollen mehr Eigenverantwortung. Viele Fachkräfte wünschen sich Gestaltungsspielraum und Mitbestimmung, um motivierter und effektiver zu arbeiten.
- Die Arbeitswelt wird flexibler. Digitalisierung und technologische Entwicklungen erfordern anpassungsfähige Strukturen, die sich schnell neuen Bedingungen anpassen können.
Praxisbeispiel: dm-drogerie markt
Dass kollegiale Führung nicht nur Theorie ist, zeigt das Beispiel von dm-drogerie markt. Dort wurde das Konzept in einem Team von 60 Mitarbeitenden eingeführt, das sich auf sieben Teilteams verteilte. Statt einer einzelnen Führungskraft übernahmen mehrere Personen Führungsaufgaben, Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen und Verantwortlichkeiten klar aufgeteilt.
Diese Form der Führung ermöglicht nicht nur eine gleichmäßigere Lastenverteilung, sondern auch eine bessere Nutzung des vorhandenen Fachwissens – weil die Entscheidungen genau dort getroffen werden, wo die Expertise liegt.
Chancen und Herausforderungen der kollegialen Führung
Kollegiale Führung bietet viele Vorteile, erfordert aber auch ein Umdenken in der Organisation. Während sich Unternehmen mehr Flexibilität und engagiertere Mitarbeitende erhoffen, müssen sie sich auch neuen Herausforderungen stellen.
Welche Chancen bietet kollegiale Führung?
Ein Blick auf die Praxis zeigt, dass dieser Ansatz einiges verändern kann:
- Mehr Agilität und Anpassungsfähigkeit: Entscheidungen werden dort getroffen, wo das Wissen vorhanden ist – ohne lange Abstimmungswege.
- Bessere Nutzung von Teamkompetenzen: Mitarbeitende bringen ihre individuellen Stärken gezielt ein und übernehmen Führungsaufgaben, die zu ihnen passen.
- Mehr Eigenverantwortung statt Abhängigkeit: Wer mitentscheiden darf, fühlt sich stärker für Ergebnisse verantwortlich. Das steigert Motivation und Engagement.
- Höhere Akzeptanz von Entscheidungen: Maßnahmen, die vom Team selbst beschlossen wurden, stoßen auf weniger Widerstand als Vorgaben von oben.
Praxisbeispiel: Mehr Mitsprache bei der Personalauswahl
Ein Team bei dm-drogerie markt entschied eigenständig über die Auswahl neuer Kolleg:innen. Anstatt sich ausschließlich auf klassische Bewerbungsverfahren zu verlassen, überarbeitete die Belegschaft den Auswahlprozess nach eigenen Bedürfnissen. Dadurch konnten sie sicherstellen, dass neue Mitarbeitende nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ins Team passten.
Diese Mitbestimmung stärkte das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeitenden und führte zu einer besseren Integration neuer Teammitglieder.
Wie funktioniert kollegiale Führung in der Praxis?
Kollegiale Führung bedeutet nicht, dass Teams sich selbst überlassen werden. Im Gegenteil: Klare Strukturen und definierte Rollen sind entscheidend, damit das Modell funktioniert. Führung bleibt eine zentrale Aufgabe – sie wird nur auf mehrere Schultern verteilt.
Führungsrollen im Team etablieren
Anstatt dass eine einzelne Führungskraft alle Aufgaben übernimmt, werden verschiedene Verantwortungsbereiche klar zugeordnet. Typische Rollen sind:
- Gastgeber: kümmert sich um die Organisation von Meetings und stellt sicher, dass alle relevanten Themen besprochen werden.
- Ökonom: plant Kapazitäten und Ressourcen und achtet darauf, dass das Team effizient arbeitet.
- Kreisverbinder: sorgt für eine gute Vernetzung innerhalb des Unternehmens und koordiniert bereichsübergreifende Themen.
- Lernbegleiter: unterstützt die Weiterentwicklung des Teams, indem er Wissen fördert und Reflexionsprozesse anregt.
- Dokumentar: stellt sicher, dass wichtige Informationen festgehalten und für alle zugänglich sind.
Praxisbeispiel: Führung im Team statt durch Einzelpersonen
Bei dm-drogerie markt haben Teams ihre Führung selbst organisiert, indem sie diese Rollen aufgeteilt und flexibel besetzt haben. Dabei konnte jede Person eine Rolle übernehmen, die zu ihren Stärken passt. So wurden Verantwortlichkeiten klar verteilt, ohne dass eine klassische Führungskraft erforderlich war.
Dieses Modell sorgte für mehr Klarheit und Verbindlichkeit, da alle wussten, wer für welchen Bereich zuständig ist. Gleichzeitig blieb genug Flexibilität, um Aufgaben je nach Bedarf neu zuzuordnen.
Transparenz und Orientierung mit einer Entscheidungsmatrix
Damit kollegiale Führung funktioniert, muss klar geregelt sein, wer welche Entscheidungen trifft. Ohne eine solche Struktur kann Unsicherheit entstehen, was den Arbeitsalltag erschwert.
Eine Entscheidungsmatrix hilft dabei, Verantwortlichkeiten eindeutig festzulegen:
- Operative Entscheidungen werden oft direkt vom Team getroffen.
- Strategische Entscheidungen bleiben in der Verantwortung der Geschäftsführung.
- Gemeinsame Entscheidungen werden in Abstimmung getroffen, wobei jedes Teammitglied Einfluss nehmen kann.
Eine zentrale Frage in diesem Prozess ist:
Was braucht ihr, um diese Aufgabe übernehmen zu können?“
Diese Herangehensweise sorgt dafür, dass Mitarbeitende mitgestalten können, ohne dass die Organisation an Struktur verliert.
Praxisbeispiel: Entscheidungsmatrix in der Ausbildung
Bei einem Ausbildungsprojekt bei dm-drogerie markt wurde eine Entscheidungsmatrix eingeführt. Dadurch konnten die beteiligten Mitarbeitenden eigenständig über neue Ausbildungskonzepte entscheiden. Sie hatten nicht nur mehr Verantwortung, sondern fühlten sich auch stärker mit ihrer Aufgabe verbunden.
Schrittweise Einführung statt radikaler Umstellungen
Kollegiale Führung erfordert ein Umdenken – und das braucht Zeit. Anstatt bestehende Strukturen abrupt zu ersetzen, bietet sich eine schrittweise Einführung an.
- Teams starten mit Pilotprojekten, um herauszufinden, welche Methoden gut funktionieren.
- Bestehende Prozesse werden angepasst, ohne den Arbeitsalltag zu stören.
- Fehler werden als Teil des Lernprozesses gesehen und für Optimierungen genutzt.
Praxisbeispiel: Schrittweise Umsetzung bei dm
Als dm-drogerie markt kollegiale Führung einführte, wurde nicht sofort das gesamte Unternehmen umgestellt. Zuerst testeten kleine Teams das Modell und sammelten Erfahrungen. Erst als sich die Ansätze bewährt hatten, wurde das Konzept weiter ausgerollt.
Diese vorsichtige Einführung half, Ängste und Unsicherheiten abzubauen, sodass sich die Teams langsam an die neue Arbeitsweise gewöhnen konnten.
Fazit: Ein neuer Blick auf Führung
Kollegiale Führung bietet eine neue Möglichkeit, um Unternehmen flexibler und anpassungsfähiger zu gestalten. Anstatt Entscheidungen nur auf wenige Führungskräfte zu konzentrieren, werden sie auf mehrere Schultern verteilt.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Führung abgeschafft wird – sie findet nur in einer anderen Form statt. Klare Strukturen und eine gemeinsame Entscheidungsbasis sind entscheidend, damit das Modell funktioniert. Wer es richtig umsetzt, kann von motivierten Teams, schnelleren Entscheidungsprozessen und einer besseren Nutzung der vorhandenen Kompetenzen profitieren.
Die vollständige Präsentation von Susanne Blüml steht zum Download bereit. Zudem können Sie sich den gesamten Vortrag auf der Veranstaltungsseite ansehen.
Veranstaltung

Neue Arbeitswelt: Führen, Fordern, Fördern
Erfahren Sie, wie Sie Ihr Team in einer digitalisierten Arbeitswelt erfolgreich führen.
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Vortrag Präsentation
Laden Sie sich hier die Präsentation zum Vortrag von Susanne Blüml herunter!